Interview Warum „lebt“ Forschung zur digitalen Transformation vom Dialog?

Warum „lebt“ Forschung zur digitalen Transformation vom Dialog?

Ein Gespräch bei einem Kaffee mit dem Vorsitzenden des bidt-Direktoriums, Professor Alexander Pretschner, und der Dialog-Leiterin des bidt, Dr. Margret Hornsteiner, über die Chancen und Herausforderungen der dialogorientierten Forschung.

Herr Pretschner, Frau Hornsteiner, das bidt hat es sich zur Aufgabe gemacht, Grundlagen zu liefern, um „die digitale Zukunft der Gesellschaft verantwortungsvoll und gemeinwohlorientiert zu gestalten“. Welche Rolle spielt der Dialog, um diesen gemeinwohlorientierten Auftrag zu erfüllen?

Alexander Pretschner: Der Dialog mit unterschiedlichen Stakeholdern ist in die DNA unseres Instituts eingeschrieben. Es war unser expliziter Wunsch, diesen Dialog nicht als einseitige Kommunikation von Ergebnissen zu verstehen, sondern immer als den gegenseitigen Austausch von Wünschen, Vorschlägen und Fragestellungen. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können wir Impulse und Empfehlungen geben, wie bestimmte Entwicklungen gemeinwohlorientiert gestaltet werden können. Nicht emotional, sondern faktenbasiert, auf Ebene von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wir können dabei helfen, die relevanten Dimensionen zu verstehen, entscheiden müssen andere.

Frau Hornsteiner, als Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin haben Sie sich in der Vergangenheit mit den Bereichen Partizipation und Repräsentation beschäftigt. Inwiefern können Sie diese Schwerpunkte auch in Ihre Arbeit im Dialog-Team des bidt einbringen?

Margret Hornsteiner: Das bidt verbindet auf ganz spannende Art und Weise all die Themen, die ich in meinen vorherigen Tätigkeiten bearbeitet habe. In meiner Dissertation konnte ich zeigen, dass es bei Partizipationsprozessen einen Unterschied macht, wen man wann zu welchem Themengebiet einbindet. In der Beratung habe ich Bürgerbeteiligung in der Praxis erprobt und gesehen, dass ein gutes Prozessdesign enorm wichtig ist, damit Beteiligungsprozesse gelingen. Diese Erfahrungen will ich am bidt einbringen. Dialog steht für mich nicht am Ende des Forschungsprozesses, sondern ist ein ständiger Begleiter von Forschung. Unserem Motto „Forschen im Dialog“ gemäß soll es im gesamten Forschungsprozess immer wieder eine Rückkoppelung mit Stakeholdern der außerwissenschaftlichen Welt geben. Dabei ist es wichtig, auch mit Zwischenergebnissen rauszugehen und sich Feedback einzuholen.

Welche Schwierigkeiten stellen sich im Dialog mit Stakeholdern aus Politik und Wirtschaft in den unterschiedlichen Disziplinen?

Pretschner: Als Softwareingenieur ist es für mich ganz selbstverständlich, mit Stakeholdern aus der Industrie zu interagieren, schließlich arbeiten wir gemeinsam an der Lösung eines Problems. In anderen Disziplinen gibt es hingegen einen Diskurs darüber, ob Stakeholder-Interaktion überhaupt stattfinden darf. Hier steckt die Angst vor Beeinflussung und Manipulation dahinter. Diese Berührungsängste versuchen wir am bidt abzubauen.

In welche Richtung wollen Sie die dialogorientierte Forschung weiterentwickeln? Haben Sie bereits mit agiler Forschung experimentiert?

Hornsteiner: Agilität spiegelt sich an verschiedenen Stellen unseres Instituts wider. Etwa auf Ebene der Themensetzung: Wir haben keine festgelegte Agenda, der wir fünf oder zehn Jahre lang folgen. Stattdessen suchen wir im Dialog mit der Gesellschaft ständig nach neuen Fragestellungen im dynamischen Feld der digitalen Transformation. Auch unsere Forschungsprojekte folgen flexiblen Mechanismen. In alle Projekte sind Sprint Reviews eingebaut, bei denen die Forschenden zusammenkommen und Zwischenstände abgleichen.

Am bidt arbeiten Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Wie können diese eine gemeinsame Sprache entwickeln und Missverständnisse vermeiden?

Pretschner: Eine Kultur der Interdisziplinarität muss über Jahre wachsen. Dafür muss es Räume wie das bidt geben, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen eng zusammenarbeiten können. Nur so kann Respekt und Verständnis füreinander entstehen. Ich habe gelernt, dass die unterschiedlichen Disziplinen anders denken. Ingenieure denken extrem problem- und lösungsorientiert. In den Geistes- und Sozialwissenschaften wird stärker in Diskursen gedacht. Diesen unterschiedlichen Zugang muss man lernen, damit man gemeinsam an Fragestellungen arbeiten kann, ohne Frustration und Unverständnis heraufzubeschwören.

Welche Ziel- und Altersgruppen versuchen Sie in der Öffentlichkeit zu erreichen? Sind das alle Zielgruppen, vom Kitakind bis zur Seniorin?

Hornsteiner: Der Auftrag, einen Dialog mit der gesamten Gesellschaft zu führen, ist unfassbar groß. Im Moment legen wir unseren Fokus weniger auf Kinder und Jugendliche, vielleicht entwickeln wir aber zukünftig noch ein Angebot für diese Zielgruppe. Eine Vielzahl unserer Aktivitäten richtet sich an eine breite Öffentlichkeit. Gerade bei unseren Veranstaltungen wie bidt Perspektiven oder bidt Werkstatt digital und den Stakeholder-Workshops legen wir je nach Thema einen bestimmten Schwerpunkt, zum Beispiel auf Wirtschaftsvertreterinnen und -vertreter, Personen aus Politik und Verwaltung oder aus dem Bildungsbereich. Im Rahmen unserer Studie zum Sozialkreditsystem in China konnten wir zum Beispiel bayerischen Unternehmen spezifische Informationsangebote machen.

Mit welchen Veranstaltungen und Tools gelang es in der Vergangenheit, die verschiedenen Stakeholder in den Diskurs miteinzubeziehen?

Hornsteiner: In den letzten zweieinhalb Jahren haben wir verschiedene Kanäle und Formate entwickelt, darunter Veranstaltungs- und Publikationsreihen, Social Media und klassische Medienarbeit. Viele unserer Ideen beruhen darauf, dass sich Menschen vor Ort treffen können. Der unmittelbare Austausch ist extrem wertvoll und schafft Vertrauen – innerhalb der Forschung, aber auch mit den Stakeholdern. Die Pandemie hat uns in dieser Hinsicht vor besondere Herausforderungen gestellt. Unter den gegebenen Bedingungen haben wir aber das Bestmögliche herausgeholt. Unsere bidt Konferenz im Herbst 2021 war eine hybride Veranstaltung. Etwa 80 Teilnehmende waren vor Ort, 800 haben die Konferenz online verfolgt. Wir haben uns große Mühe gegeben, auch den online zugeschalteten Teilnehmenden Interaktionsangebote zu machen. Es gab einen Liveblog, Social-Media-Angebote und Diskussionsräume.

Warum ist es überhaupt so wichtig, dass die Öffentlichkeit mehr Verständnis und Wissen über die digitale Transformation hat?

Hornsteiner: Die digitale Transformation bewegt viele Menschen, das haben wir zum Beispiel beim Thema Homeoffice gesehen. Wir waren eines der ersten Institute, das kurz nach dem ersten Corona-Lockdown Befragungsergebnisse zur Verbreitung und Akzeptanz von Homeoffice in Deutschland veröffentlichen konnte. Ähnlich verläuft es mit zahlreichen anderen Themen. Viele Menschen haben zum Beispiel nur eine vage Vorstellung von Künstlicher Intelligenz, die sich mit einer diffusen Angst paart. Hier besteht ein großer Bedarf an Orientierung. Als Forschungsinstitut wollen wir bei all diesen komplexen Themen aufklären und Implikationen aufzeigen.

Pretschner: Mit unseren Angeboten wollen wir einem klassischen humanistischen Bildungsideal entsprechen. Wer die Welt nicht versteht, kann nicht selbstbestimmt leben. Wer den Anspruch dazu hat, muss begreifen, wie die Zusammenhänge sind.

Warum zögern andernorts noch so viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihr Forschungsthema öffentlichkeitswirksam zu präsentieren und zu diskutieren?

Hornsteiner: Ein Grund sind meist fehlende Anreize. Erfolg wird in der Wissenschaft vor allem in Publikationen gemessen. So wird der Dialog mit der Öffentlichkeit zu einer Frage der Kapazitäten und Ressourcen. Doch die Rolle von Wissenschaftskommunikation und Forschungstransfer wird immer wichtiger – ob für Forschungsanträge oder die individuelle Karriereplanung. Am bidt bieten wir die Rahmenbedingungen für Forscherinnen und Forscher, um ihre Themen in den Austausch mit der Gesellschaft zu bringen. Wichtige Fragen dafür sind: Wo liegt die gesellschaftliche oder politische Relevanz meines Themas? Mit welchen Akteuren und Stakeholdern will ich in den Austausch treten? Wir möchten die Forschenden hierbei unterstützen, etwa bei der Konzeption von geeigneten Dialogformaten, beim Umgang mit Medienanfragen, beim zielgruppengerechten Schreiben oder bei der Vernetzung über Social-Media-Kanäle.

Ist das bidt auch eine Institution, die klassische Politikberatung betreibt? Wie viel Strahlkraft hat das bidt hier bislang?

Hornsteiner: Die Politik ist einer unserer zentralen Stakeholder. Gesetze und Regulierungen sind wichtige Gestaltungsinstrumente der digitalen Transformation. Im Rahmen unseres Projekts „Messung von Meinungsmacht und Vielfalt im Internet“ haben wir eine Veranstaltung mit Politikerinnen und Politikern organisiert, bei der auch Vertreterinnen und Vertreter aus Medienpolitik und Regulierungsgremien anwesend waren. Ein weiteres Thema, mit dem wir uns beschäftigt haben, ist Governance von Digitalpolitik. Daneben gab es immer wieder informelle Formate, bei denen wir uns mit Landtags- und Bundestagsabgeordneten getroffen haben. Wir verstehen uns also durchaus als Beraterinnen und Berater von Politik, die gehört werden wollen, aber auch gerne schon im Vorfeld gefragt werden.

Welche Zukunftsszenarien gibt es für das bidt? Wie wollen Sie den Dialog weiterentwickeln?

Hornsteiner: Ein Ziel ist die Weiterentwicklung unserer Website, in die wir Dialogfeatures einbauen wollen, damit die Öffentlichkeit sich noch besser beteiligen kann. Auch persönliche Begegnungen und das persönliche Erleben wollen wir weiter ausbauen, sofern dies in Zukunft wieder möglich sein wird.

Pretschner: In den letzten zweieinhalb Jahren haben wir ein sehr schnelles Wachstum unserer Prozesse und Strukturen erlebt. Nun ist es an der Zeit, uns zu konsolidieren und zu verstehen, was in der Vergangenheit gut funktioniert hat und wo wir uns verbessern können. Wir sind in einem so irren Tempo vorangekommen, dass wir mit allzu großen Veränderungen vorsichtig sein sollten. So oder so haben wir noch eine große Aufgabe vor uns: die Wirkzusammenhänge zwischen den einzelnen Phänomenen der Digitalisierung zu identifizieren, diese aus Sicht der einzelnen Disziplinen zu beschreiben und Verallgemeinerungen abzuleiten. Darin sehe ich die große Aufgabe des bidt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Alexander Pretschner

Er ist Vorsitzender des Direktoriums des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt) und Inhaber des Lehrstuhls für Software und Systems Engineering an der Technischen Universität München.

Dr. Margret Hornsteiner

Sie ist Abteilungsleiterin Dialog am bidt. Die Forschungsinteressen der Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin liegen in den Bereichen Partizipation und Repräsentation.