Nachbericht Digitalen Wandel gestalten

Digitalen Wandel gestalten

Einblicke in die Eröffnungsfeier des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt) am 17. und 18. Juli 2019.

Wissenschaftsminister Bernd Sibler

Mit einem breiten Themenspektrum hat das Bayerische Forschungsinstitut für digitale Transformation (bidt) den Horizont seiner künftigen Arbeit abgesteckt: Vom Schutz persönlicher Daten über die Transformation der Medien und den Wandel der Führung bis hin zu rechtlichen und philosophischen Fragestellungen reichten die Themen der Eröffnungsveranstaltung in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW).

Darüber diskutierten bei der bidt Werkstatt digital Nadine Bender, Robotics-Analystin bei KUKA, Helmut Meitner, Digitalisierungsverantwortlicher in der DRÄXLMAIER Group, Verena Nitsch, Professorin für Arbeitswissenschaft an der RWTH Aachen, und Paul Eichler, Leiter Mensch-Technik-Interaktion am Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik. Die Diskussion leitete der Arbeitssoziologe Norbert Huchler, Vorstandsmitglied des ISF München e. V.

Das bidt nimmt seine Arbeit auf: Mit einer zweitägigen Eröffnungsveranstaltung stellte sich das Institut der Öffentlichkeit vor. Alexander Pretschner, Sprecher des Direktoriums und Informatik-Professor an der Technischen Universität München (TUM) hob die Ziele des bidt hervor: Durch unabhängige Forschung wird das bidt die Veränderungen der digitalen Transformation umfassend und interdisziplinär analysieren und mitgestalten. Davon ausgehend versteht sich das Institut auch als Berater, um Politik und Gesellschaft bei der erfolgreichen Gestaltung der digitalen Transformation zu unterstützen. „Mit dem bidt haben wir im Freistaat eine neue eigenständige, innovativ und kooperativ agierende Forschungseinrichtung, die im Digitalisierungsprozess eine wichtige Rolle spielen wird“, betonte Wissenschaftsminister Bernd Sibler bei der Eröffnung.

BAdW Präsident Thomas O. Höllmann

Professor Thomas O. Höllmann, Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, ergänzt: „Das bidt trägt dazu bei, ein fundiertes Verständnis der Veränderungen in Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft zu schaffen. Als Forschungsinstitut soll es offen und auch kritisch die aktuellen Entwicklungen begleiten und den Diskurs gestalten.“

Alexander Pretschner, Sprecher des bidt-Direktoriums

Interdisziplinäre Forschung, Think Tank und Dialogplattform

Das bidt ist als wissenschaftlich unabhängiges Institut an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt. An seiner Spitze steht ein 10-köpfiges Direktorium mit profilierten Fachvertretern verschiedener Disziplinen. Die operative Leitung liegt in den Händen der beiden Geschäftsführer Christoph Egle und Herbert Vogler.

bidt-Geschäftsführer Christoph Egle und Herbert Vogler

Für die Arbeit des bidt stellt der Freistaat Bayern ab 2020 mehr als 20 Planstellen und jährlich rund 6,2 Millionen Euro zur Verfügung, mit denen das Institut interdisziplinäre Forschungsprojekte fördert. Das bidt umfasst drei Bereiche: Im Forschungsbereich werden interdisziplinäre Projekte aus ganz Bayern gefördert, die verschiedenen Perspektiven insbesondere aus Technik, Ökonomie, Recht, Sozialwissenschaften und Ethik verbinden.

Darüber hinaus ist der Austausch mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zentral. Diese Aufgaben übernehmen die weiteren Bereiche des bidt: Im Think Tank werden Berichte und Analysen über aktuelle Entwicklungen und zukünftige Trends erstellt. Der Bereich Dialog gestaltet als Schnittstelle den offenen Austausch von Wissenschaft mit Akteuren des gesellschaftlichen Wandels.

Aktives Gestalten bedarf einer rationalen Grundlage

Aktives Gestalten bedarf einer rationalen Grundlage und keiner Panikmache. Dazu brauchen wir das Miteinander und die kollektive Intelligenz von Technikern, Juristen, Ökonomen, Politikwissenschaftlern, Soziologen, Philosophen und vielen anderen. Mit dem bidt wollen wir einer von vielen befürchteten digitalen Spaltung entgegenwirken und die Gesellschaft ermächtigen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen sowie bewusst zu entscheiden, wie wir in Bayern, in Deutschland und in Europa in Zukunft leben wollen – anstatt auf die neuesten technischen Entwicklungen aus dem Silicon Valley nur zu reagieren.

Prof. Dr. Alexander Pretschner Zum Profil

Für einen europäischen Weg in der digitalen Transformation

Wie kann ein europäischer Weg in der digitalen Transformation aussehen? Das skizzierte Prof. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für politische Bildung, in ihrer Keynote: Neben Globalisierung und Klimawandel treibe vor allem die digitale Transformation Veränderungen voran. Angesichts dieses fundamentalen Wandels erschienen Politik, Verwaltung und Justiz oft überfordert. Zwischen China und den USA gelte es, für Europa einen dritten Weg bei der Gestaltung der digitalen Transformation zu finden. Dazu zählten Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit, föderale Strukturen und das Verfügungsrecht der Bürger über ihre Daten.

Datenschützer sind Verteidiger unserer Freiheitsrechte gegenüber Staat und Unternehmen.

Prof. Dr. Ursula Münch Zum Profil

Als beratende Einrichtung werde das bidt Politik und Gesellschaft bei der Gestaltung der digitalen Transformation unterstützen, um die dialogpolitische Handlungsfähigkeit zu stärken.

Ursula Münch, Direktorin der Akademie für politische Bildung

Empirische Ergebnisse im Forum Junge Forschung

Im Forum Junge Forschung gaben Nachwuchsforscherinnen und -forscher einen Einblick in ihre Projekte. Initiiert und organisiert hat das Format Lisa Herzog, Professorin für Politische Philosophie an der TU München. Acht Projekte aus dem Bereich „Medien und öffentliche Kommunikation“ wurden vorgestellt:

  • Johanna Schindler, LMU, untersucht die kollektive Informationsverarbeitung im Internet. Präsentation (pdf)
  • Jörg Haßler, LMU, erklärte die Nutzung sozialer Medien durch politische Gruppen. Präsentation (pdf)
  • Julian Unkel, LMU, forscht über politisches Googeln während des Bundestagswahlkampfs 2017. Präsentation (pdf)
  • André Haller, Universität Bamberg, erklärte digitale Wahlkampagnen unter anderem am Beispiel von Wahlen in den USA. Präsentation (pdf)
  • Liriam Sponholz, LMU, zeigte, was passiert, wenn Hate Speech online geht. Präsentation (pdf)
  • Antonia Markiewitz, LMU, untersucht Chancen und Risiken der digitalen Transformation für die Suizidprävention. Präsentation (pdf)
  • Simon Goebel, Universität Eichstätt-Ingolstadt, erforscht Meinungsbildungsprozesse in digitalen Öffentlichkeiten. Präsentation (pdf)
  • Lea Watzinger, Universität Passau, untersucht die Bewertungsmaßstäbe von Transparenz des Staates und des Individuums. Präsentation (pdf)
Junges Forum – hier: Antonia Markiewitz, Julian Unkel, Jörg Haßler, Johanna Schindler, Liriam Sponholz

Digitalisierung ist eine Gestaltungsaufgabe

“Digitalisierung ist das Schicksal“: Mit diesem an Napoleon angelehnten Spruch eröffnete Hans Michael Strepp, Amtschef im Bayerischen Staatsministerium für Digitales, den zweiten Tag der Veranstaltung. Laut Strepp sei die Digitalisierung ebenso wie die Politik vor allem eine Gestaltungsaufgabe. Strepp zeigte sich überzeugt, dass die Digitalisierung zu einer Verabschiedung vom Obrigkeitsdenken und zu mehr Kundenorientierung in staatlichen Behörden führen werde. Das bedeute auch für die Verwaltung, digital und agil zu denken und die Auswirkungen auf Ressortorganisation, Gesetzgebung, Haushaltsplanung und vieles mehr in den Blick zu nehmen.

Hans Michael Strepp, Amtsleiter des Digitalministeriums

Diskussion um Daten und Gemeinwohl

Wieviel Datenschutz verträgt die Digitale Wirtschaft? Zu dem Thema entspann sich eine lebendige Diskussion zum Thema zwischen Markus Löffler, CTO der Allianz SE und dem Datenschutz-Aktivisten Max Schrems unter der Moderation von Dirk Heckmann, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Passau.

Eher skeptisch äußerte sich Löffler zur Frage, ob Digitalisierung zwangsläufig zu mehr Demokratisierung führe. Daten könnten von staatlichen Stellen missbraucht und der Öffentlichkeit entzogen oder vorenthalten werden.

„Datenschutz ist Schutz der Menschenrechte“: so brachte es Max Schrems den Punkt. Es brauche einen gesellschaftlichen Konsens darüber, wie Daten genutzt werden dürfen. Er forderte klarere politische Rahmenbedingungen und entsprechende Regulierung von Unternehmen, abhängig von deren Einfluss auf die Grund- und Freiheitsrechte. Die Ratlosigkeit der Politik dürfe nicht dazu führen, dass das Thema auf den Datenschutz abgewälzt werde.

Max Schrems, Dirk Heckmann und Markus Löffler

Transparenz ermöglicht Kontrolle und Selbstorganisation

Wie sich interdisziplinäre Ansätze gegenseitig befruchten, zeigten Prof. Andreas Boes, Vorstand am Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) und Thomas Hess, Professor für Wirtschaftsinformatik an der LMU, bei der Vorstellung ihrer gemeinsamen Forschungen. Sie untersuchen darin den Einfluss der digitalen Transformation auf die Unternehmensführung und sind überzeugt: Der Schlüssel liegt in der Transparenz, die die Digitalisierung mit sich bringt. Dabei stehe die künftige Entwicklung im Spannungsfeld von Kontrolle und Selbstorganisation. Boes und Hess sehen vor allem in partizipativen Modellen und agilen Organisationen den Weg in die Zukunft.

Medienvielfalt im öffentlich-rechtlichen Auftrag umsetzen

Wie sich der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien in die digitale Medienwelt übersetzen lasse, erläuterte Hans-Bernd Brosius, Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU. Deren Mediatheken böten längst mehr als zeitversetztes Fernsehen. Sie verfügten über ein eigenständiges redaktionelles Angebot und algorithmenbasierte Empfehlungssysteme.

Mensch vs. Maschine – wer haftet?

Wer haftet in der digitalen Welt? In einem weiteren interdisziplinären Format diskutierten der Informatiker Pretschner und der Jurist Heckmann über Lösungen zur Haftungsfrage. Einig sind sich beide darin, dass Drohnen und Roboter nicht in Haftung genommen werden sollten. Es brauche keine eigenständige Rechtspersönlichkeit (E-Person) für Maschinen. Besser sei eine smarte Protokollierung der Nutzung.

Digitaler Humanismus – Plädoyer für einen europäischen Weg

Im Abschlussvortrag der Veranstaltung plädierte Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie an der LMU, für mehr europäisches Selbstbewusstsein. Dem amerikanischen Disruptions-Pathos stellte er eine reflektierte Fortschritts-Sicht entgegen und zitierte den Dichter Johann Nepomuk Nestroy: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“ Europa solle seine humanistische Tradition als Chance begreifen und aus dieser Perspektive die Rahmenbedingungen der digitalen Transformation gestalten. Besondere Sorge mache ihm, dass zum ersten Mal in der Industriegeschichte große Teile der Infrastruktur in privater Hand seien. Er zweifelte daran, dass dies gesellschaftlich wünschenswert sei, und regte die Errichtung einer eigenen europäischen Digital-Infrastruktur an.

Julian Nida-Rümelin

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