Nachbericht Lessons Learned: Das bidt-SZ-Digitalbarometer

Lessons Learned: Das bidt-SZ-Digitalbarometer

Wie digital ist Deutschland? Diese Frage haben wir anlässlich des ersten bidt-SZ-Digitalbarometers unseren Gästen gestellt. Die Ergebnisse der bidt Perspektiven vom 31. Januar 2022 im Überblick.

© Foto: bidt/Klaus D. Wolf

Wie digital ist Deutschland? Diese Frage steht im Mittelpunkt des bidt-SZ-Digitalbarometers – ein Gemeinschaftsprojekt von bidt und dem SZ-Institut der Süddeutschen Zeitung. Und sie leitete die Veranstaltung bidt Perspektiven Ende Januar ein, bei der die Ergebnisse der Studie vorgestellt wurden. Das Besondere: Erstmals können Interessierte ihre Digitalkompetenzen anhand von 82 Fragen selbst testen und sich mit der deutschen Bevölkerung aus der repräsentativen Befragung vergleichen.

Über die Ergebnisse und mögliche Anforderungen diskutierten Dr. h.c. Thomas Sattelberger, MdB und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Medienpsychologin Dr. Astrid Carolus von der Universität Würzburg, Dirk von Gehlen, Direktor des SZ-Instituts der Süddeutschen Zeitung, sowie der Leiter des bidt Think Tanks Dr. Roland A. Stürz. Durch die Diskussion führte die Moderatorin und Digitalstrategin Sara Weber.

Digitalkompetenz überall – aber nicht gleich verteilt

Bereits in ihrer Begrüßung streifte die bidt-Direktorin und Professorin Ute Schmid eins der zentralen Themen des Abends: Das Thema Digitalisierung betreffe uns alle, sei aber auch von einer großen Heterogenität durchzogen. Diesen Leitgedanken führte Thomas Sattelberger in seiner Keynote an einem Beispiel fort: Auf seinen Zugreisen sehe er überall um sich herum Digitalkompetenz in unterschiedlicher Ausprägung: die Studentin, die eine Präsentation auf ihrem Laptop vorbereitet, oder der Passagier, der ein Onlinemagazin auf dem Tablet liest.

Keynote: Dr. h.c. Thomas Sattelberger, MdB und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Bildung und Forschung

Sattelberger betonte jedoch die Unterschiede in Bezug auf digitale Kompetenzen: Ein Digital Divide, also eine digitale Kluft, mache sich bemerkbar, die sich während der Coronapandemie noch vergrößert habe. Die bidt-Studie stützt diese Annahme: Männer, Junge, formal höher Gebildete oder Einkommensstarke würden ihre digitalen Kompetenzen deutlich höher einschätzen als Frauen, Ältere, formal niedriger Gebildete oder Einkommensschwächere. „Wir müssen aber alle digitaler werden“, sagte Sattelberger. Denn vielfach stießen wir mit unseren Kompetenzen auch an Wissens- und Erklärgrenzen. Was passiere beispielsweise beim Musikstreaming mit den Daten?

Digitale Kompetenzen messbar machen

Diese Grenzen der digitalen Kompetenzen werden auch in den Studienergebnissen des bidt-SZ-Digitalbarometers sichtbar: „Am besten schneiden die Befragten im Umgang mit Informationen und Daten ab, 63 Prozent. Die schlechtesten Ergebnisse haben sie mit 45 Prozent bei der Erzeugung von digitalen Inhalten erreicht“, erläuterte Dirk von Gehlen. Daraus lasse sich ableiten, dass das Streamen eines Videos auf einer Plattform für die Leute keine große Herausforderung darstelle – das Aufnehmen, Bearbeiten und Hochladen aber schon.

Die Initiatoren des bidt-SZ-Digitalbarometers: Dirk von Gehlen und Dr. Roland A. Stürz

Wie können digitale Kompetenzen jedoch messbar gemacht werden? Das wurde im Rahmen der bidt-Studie anhand von 82 Fragen des sogenannten DigCompSAT umgesetzt – ein Selbsteinschätzungstest digitaler Kompetenzen basierend auf dem europäischen Referenzrahmen für digitale Kompetenzen. Im Mittel erreichen Personen ab 14 Jahren in Deutschland 55 von 100 möglichen Punkten. Ob das Glas damit eher halb voll oder halb leer sei, könne jeder für sich entscheiden, so von Gehlen. Wichtig sei, dass mit dem bidt-SZ-Digitalbarometer in einem ersten Schritt überhaupt ein Tool entwickelt wurde. Der Selbsttest ermögliche ein Stück weit „Empowerment“: Alle Interessierten könnten sich selbst testen und mit anderen vergleichen. Damit ließen sich eventuelle Defizite in bestimmten Bereichen erkennen und Handlungsfelder zur persönlichen Weiterentwicklung ausmachen. Laut von Gehlen gibt der Test einen spielerischen Impuls zur Veränderung.

Wie digital sind Sie?

Ver­glei­chen Sie Ihre di­gi­ta­len Fä­hig­kei­ten mit de­nen der deut­schen Be­völ­ke­rung.

Digitale Kompetenzen früh fördern

„55 von 100 Punkten – da ist noch Luft nach oben“, kommentierte Dr. Astrid Carolus das Ergebnis. Wichtig sei es, möglichst früh und damit in den Schulen bei der Vermittlung von Digitalkompetenzen anzusetzen, insbesondere, um Benachteiligungen bei Kindern und Jugendlichen auszugleichen. Zwar hätten junge Menschen insgesamt bereits eine relativ hohe Digitalkompetenz, diese sei aber weder gleichmäßig über alle Jugendliche noch über alle Subfacetten verteilt. Es bestehe die Gefahr, dass bei der Entwicklung von digitalen Kompetenzen Ähnliches passiere wie bei „klassischen“ Lese- und Schreibkompetenzen – denn hier entscheide nach wie vor die Herkunft mit. Eine zentrale Frage sei daher laut Carolus, wie Klüfte geschlossen werden könnten. Eine wichtige Schlüsselgruppe seien aus ihrer Sicht die Lehrkräfte. Digitale Themen würden in der Lehrerausbildung noch zu wenig Aufmerksamkeit erhalten.

Medienpsychologin Dr. Astrid Carolus

Onliner versus Nonliner

Eine frühe Vermittlung digitaler Kompetenzen sei zwar wichtig, so der Leiter der bidt-Studie, Dr. Roland A. Stürz. Allerdings dürften auch ältere Menschen nicht aus dem Blick verloren werden. So seien 91 Prozent der über 9.000 befragten Personen Onliner, verfügten also über einen Internetzugang. „Bei näherer Betrachtung ist aber fast jeder Dritte der über 64-Jährigen ein Nonliner. Diesen Aspekt haben wir bei der Erhebung unserer Studiendaten berücksichtigt, indem die Befragung nicht nur online sondern für Nonliner auch ganz klassisch über das Telefon stattfand.“

Leiter des bidt Think Tanks Dr. Roland A. Stürz

Die Gründe, warum verschiedenste digitale Angebote nicht genutzt werden, seien laut Stürz vielfältig: Sie reichten von Sicherheitsbedenken oder fehlendem Wissen bis zur Bevorzugung des persönlichen Kontakts bei Dienstleitungen von Behörden und Ämtern. „Oder es mangelt schlichtweg an Unterstützung – z. B. wenn es keinen Enkel gibt, der der Großmutter die Funktionsweise eines Smartphones näherbringt.“

Digital Divide im Mittelstand

Auch sei, so Stürz, insbesondere die durchgehende Förderung von digitalen Kompetenzen im Erwerbsleben von Relevanz. Hier zeigten die Ergebnisse der Studie, dass es einen Unterschied mache, ob man in einem kleinen, mittleren oder großen Unternehmen beschäftigt sei. So werden von Beschäftigen in kleinen und mittleren Unternehmen die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Digitalisierung deutlich schlechter eingeschätzt als von Beschäftigten in Großunternehmen. Gleichzeitig hätten kleinere und mittlere Unternehmen weit weniger von dem durch die Coronapandemie ausgelösten Digitalisierungsschub profitiert als große Unternehmen.

Thomas Sattelberger hob hervor, dass es jedoch vor allem für Mittelständler im Wettbewerb wichtig sei, Prozesse zu vereinfachen und neue Produkte sowie Geschäftsmodelle zu entwickeln. Fort- und Weiterentwicklung der Belegschaft solle nicht nur in Form von theoretischem Wissen realisiert werden, sondern in Beziehung zum konkreten Arbeitsauftrag stehen. „Wenn wir uns bei der Digitalkompetenz nicht verbessern, dann hat es irgendwann direkte Auswirkungen auf unsere Volkswirtschaft.“ Laut Dr. Astrid Carolus hänge vieles auch vom richtigen Mindset des Managements ab: Das klassische Totschlagargument – „Das brauchen wir nicht“ – sei ein echter Innovationshemmer in den Köpfen.

Auf der Podiumsdiskussion: Dr. h.c. Thomas Sattelberger, MdB und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Bildung und Forschung

Bedarf nach Weiterbildungsangeboten

Bei Fort- und Weiterbildungsangeboten sieht Dr. Roland A. Stürz daher vor allem bei kleineren und mittleren Unternehmen einen hohen Nachholbedarf. Allerdings sei die deutsche Weiterbildungslandschaft momentan relativ komplex und gestalte sich regional sehr unterschiedlich. Das derzeitige Angebot aber auch die Fördermöglichkeiten seien vor allem für kleinere oder mittelständische Unternehmen schwer zu überblicken und aus seiner Sicht fehle eine gewisse Professionalisierung der Angebote. Hier müssten Mindeststandards bei Anbietern festgelegt und zugleich Fördermöglichkeiten für Unternehmen und Individuen vereinfacht werden. Maßnahmen, die sich lohnen könnten, da sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine lange Zeit im Erwerbsleben befinden und ihre digitalen Kompetenzen langfristig weiterentwickeln müssten.

Das Mindset macht den Unterschied

Alle Diskussionsteilnehmer hoben die Rolle des jeweiligen Individuums und seiner Einstellung zur Weiterentwicklung der Digitalkompetenzen hervor. Sattelberger sieht hier die Notwendigkeit einer Bildungsforschung im Sinne eines lebensbegleitenden Lernens und die Etablierung einer Lernkultur. Wichtig sei es, Möglichkeiten des Ausprobierens und Experimentierens zu schaffen. Förderung solle sich seiner Meinung nach auf beide Richtungen konzentrieren: auf den Ausbau sowohl des „digitalen Spitzensports“ als auch des „digitalen Breitensports“, also unseren täglichen Umgang mit Digitalem, die Digital Literacy. Entscheidend sei laut Carolus, die Offenheit für neue Themen wie KI zu fördern, denn Wissen helfe, Vorurteile abzubauen. „Die zentrale Frage lautet: Wie schaffen wir es, mehr Bildungsoffenheit, Lern- und Veränderungsbereitschaft zu schaffen und Ängste abzubauen?“

Wie digital ist Deutschland eigentlich wirklich? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Diskussion.

Die nächste Stufe: Künstliche Intelligenz

Laut Astrid Carolus stehe mit KI bereits die nächste Herausforderung vor der Tür und es bestehe ein gewisser Handlungsdruck. Laut bidt-Studie gebe es eine Kohärenz zwischen KI-Wissen und der Offenheit für diese neue Technologie: Personen, die angaben, über ein hohes KI-Wissen zu verfügen, seien auch zu 42 Prozent der Meinung, dass die Chancen von KI überwiegen. Zum Vergleich: Bei Personen mit geringerem Wissen sähen lediglich 8 Prozent die Vorteile. Stürz ergänzte: Männer hätten ihr KI-Wissen als deutlich besser eingeschätzt, als Frauen. Über die Gründe könne man nur mutmaßen – mehr Selbstbewusstsein oder eine nachweisbare stärkere Affinität zu MINT-Fächern.

Stürz hob die Notwendigkeit von Weiterbildungsmöglichkeiten über KI hervor und verband dies mit einem Appell an die Politik: Kompetenzen müssten systematischer gefördert und erweitert werden. Er verwies auf Finnland und den dort etablierten Onlinekurs „Elements of AI“, dessen deutschsprachige Version bei den Bürgerinnen und Bürgern hierzulande weit weniger bekannt sei. Sattelberger sagte, er könne sich zudem einen Reverse Effect vorstellen: „Wir müssen KI konkret erlebbar machen. Können sich die Menschen vorstellen, dass ihnen im Alter künftig ein Roboter zu Hause hilft? Veränderte Lebensrealitäten durch KI führen auch zu einer Veränderung des Mindset.“

Podiumsteilnehmer Dirk von Gehlen hat die aus seiner Sicht zentralen Impulse zusammengefasst.