Nachbericht Lessons Learned: bidt Perspektiven „Tesla ante portas – Wie zukunftsfähig ist die deutsche Automobilindustrie?“

Lessons Learned: bidt Perspektiven „Tesla ante portas – Wie zukunftsfähig ist die deutsche Automobilindustrie?“

Ist die Schlüsselbranche der deutschen Wirtschaft für die neue Ära der Mobilität ausreichend gerüstet? Ergebnisse der bidt Perspektiven vom 15. September 2021.

Das Expertenpodium der bidt Perspektiven „Tesla ante portas – Wie zukunftsfähig ist die deutsche Automobilindustrie?“

Aktuell spricht vieles dafür, dass die Ansiedlung der Gigafactory 4 von Tesla Motors in Brandenburg zum Gamechanger für die europäische und insbesondere für die deutsche Automobilindustrie wird. Über Jahrzehnte galt die Schlüsselbranche der deutschen Wirtschaft als Erfolgsmodell, doch nun stellt sich die Frage, ob sie für eine neue Ära der Mobilität bereit ist.

Darüber diskutierten Dr. Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Porsche AG und Konzernvorstand der Volkswagen AG, Christoph Bornschein, Gründer und COO der TLGG GmbH, Prof. Dr. Manfred Broy von der TU München, Birgit Dietze, Bezirksleiterin IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen, und Anja Hendel, Managing Director bei der diconium GmbH. Geleitet wurde die Diskussion von Andreas Boes, Professor am ISF München und Mitglied im Direktorium des bidt. Die gemeinsam mit dem ISF München organisierte Veranstaltung bildete den Auftakt der neuen Dialog-Reihe bidt Perspektiven.

Eine herausfordernde Reise

„Die Automobilindustrie wird sich in den nächsten fünf Jahren drastischer verändern als in den 50 Jahren zuvor“, prophezeite Dr. Oliver Blume in seiner Keynote.

Bei Porsche stellt man sich auf eine herausfordernde Reise mit vielen Etappenzielen ein. Porsche sieht sich hier als Pionier: Bis 2030 will der Sportwagenhersteller wichtige Etappenziele auf dieser Reise erreicht haben. Über 80 % elektrifizierte Fahrzeugmodelle sollen dann verkauft werden. Das Unternehmen will bis 2030 bilanziell CO2-neutral werden – und zwar über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg durch nachhaltige Innovationen und nur in geringem Maß durch Kompensation. Dabei geht es bei Porsche darum, die unternehmerischen Wurzeln zu behalten und durch digitale Lösungen zu ergänzen. Für 2030 erwartet Blume, dass drei Viertel des Geschäfts im traditionellen Automobilbereich und ein Viertel in den neuen Geschäftsfeldern wie Digitalisierung, Konnektivität und Services stattfinden. Die größte Herausforderung dabei sei die Geschwindigkeit der Veränderung und die Fähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, diesen Wandel mit voranzutreiben.

Opfer des eigenen Erfolgs?

„Die deutsche Automobilindustrie ist das Opfer ihres Erfolgs“, so Prof. Dr. Manfred Broy. Sie habe evolutionär ihre Stärken weiterentwickelt und dabei die neuen Wettbewerber übersehen. Nach Ansicht von Manfred Broy hat es die vom Maschinenbau stark geprägte Automobilindustrie mehr als 20 Jahre lang versäumt, entscheidende Entwicklungen bei Software mitzugestalten. „Für Jugendliche ist das Smartphone wichtiger als das Auto. Die Frage darf deshalb nicht sein, welche Rolle Software im Auto spielt, sondern sie muss lauten: Welche Rolle spielt das Automobil in einer Softwarewelt?“

Klimawandel als Treiber

Ein großer Treiber der Veränderung ist zweifellos der Klimawandel, darin sind sich die Diskussionsteilnehmer einig. „Dies prägt vor allem die junge Generation und deren Vorstellungen von Mobilität“, so Birgit Dietze. Bisher hätten die deutschen Automobilhersteller und auch die Politik keine überzeugenden Antworten darauf geliefert. „Die Zukunft der Automobilindustrie muss im größeren Kontext der vernetzten Mobilität betrachtet werden“, so Dietze weiter. Dazu gehöre insbesondere die intelligente Vernetzung unterschiedlicher Transportmittel. Dafür innovative Lösungen zu entwickeln erfordert für Dietze neben Investitionen auch eine Kultur, die Innovationen fördert. Inhaltlich geht es vor allem darum, auf Nachhaltigkeit zu setzen und den Kreislaufgedanken zur Schonung von Ressourcen zu etablieren.

Birgit Dietze, Bezirksleiterin IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen

Weniger Anteil an der Wertschöpfung

„In der Debatte werden die Verschiebungen der Wertschöpfung in der Mobilitätsindustrie unterschätzt”, mahnt Christoph Bornschein. Nicht mehr der Motor, sondern das Betriebssystem sei das Kernelement. Hier gebe es ein starkes Gefälle zwischen den deutschen Automobilherstellern und Softwarekonzernen wie Google. Bornschein geht davon aus, dass der deutsche Anteil an der Wertschöpfung deutlich schrumpft. Gefährdet sind aus seiner Sicht gerade die Volumenhersteller, deren mittleres Segment besonders von diesen Entwicklungen betroffen sei. Auch der Energiemarkt werde im Zeichen der Elektromobilität neu verteilt, so trete beispielsweise Tesla künftig als Produzent und Händler von Strom auf.

Software und Hardware beherrschen

„Die Organisation ist immer auch ein Spiegel des Produkts“, betont Anja Hendel. Und hier unterscheiden sich Hardware – in diesem Fall das Auto – und Software erheblich für sie. „Die größte Herausforderung für die deutsche Automobilindustrie besteht darin, Softwareexpertise mit Ingenieurskunst zu vereinen.“ Es komme daher darauf an, eine Organisation zu schaffen, die beides beherrscht: Software- und Hardwareentwicklung. Hier könne die deutsche Automobilindustrie noch viel von der Softwareentwicklung lernen. Gerade mit Blick auf die Relevanz für den Kunden zeigt sich für Hendel zudem, dass Potenziale von Software weitestgehend noch nicht ausgeschöpft sind. Der Fokus liege vornehmlich auf dem Auto selbst; die „Customer Journey“ – vom Kauf des Autos bis zu seiner Verschrottung – werde bisher noch nicht durch Software begleitet.

Podiumsteilnehmerin Anja Hendel hat auf LinkedIn die aus Ihrer Sicht zentralen Impulse zusammengefasst.

Auf die Stärken konzentrieren

„Es kommt darauf an, dass wir uns auf unsere Stärken und unsere Differenzierungsinhalte konzentrieren und nicht versuchen, den Rückstand in Spezialdisziplinen gegenüber Google, Apple oder Tencent aufzuholen“, fordert Dr. Oliver Blume. Das Betriebssystem müsse die richtigen Schwerpunkte setzen, eine Verbindung zum Auto schaffen und die entsprechenden Schnittstellen bereitstellen. Für Blume ist es mehr eine Frage der Haltung als der Technologie: „Pioniergeist und Mut sind gefragt. Das macht Unternehmen auch attraktiv für neue Talente.“

Dr. Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Porsche AG und Konzernvorstand der Volkswagen AG

bidt erforscht Wandel der Automobilbranche

Im Rahmen der Veranstaltung stellte bidt-Direktor Prof. Dr. Thomas Hess das bidt-Forschungsprojekt „Digitale Transformation von Automobilherstellern – eine Frage der Identität“ vor. Wie lässt sich die DNA eines Unternehmens angesichts der massiven Transformation in der Automobilbranche beibehalten? Dessen Selbstverständnis prägt nicht nur das Image in der Öffentlichkeit, sondern beeinflusst auch die Identität und das Handeln der Organisationsmitglieder. Thomas Hess stellte als Projektleiter erste Ergebnisse des interdisziplinären Projekts vor, das aus soziologischen und wirtschaftswissenschaftlichen Perspektiven betrachtet wird. Es zeichnet sich ab, dass es sehr unterschiedliche Wege und Zielbilder gibt: vom digitalisierten Automobilhersteller bis zum softwarezentrierten Tech-Unternehmen. Sicher ist laut Hess vor allem eins: dass sich die Unternehmen auf einen langen Weg zum Digitalunternehmen einstellen müssen.