Porträt Forschen, aufklären, gestalten

Forschen, aufklären, gestalten

Alexander Pretschner trägt dazu bei, das Verständnis für die digitale Transformation und ihre Folgen zu vertiefen – die Voraussetzung, um mit den Möglichkeiten der Digitalisierung verantwortungsvoll umzugehen, sagt der Informatiker und Direktor des bidt.

Prof. Alexander Pretschner war bei der Podiumsdiskussion “Mensch. Macht. Maschine.” beim Münchner Tollwood im Winter 2019 als Experte für Künstliche Intelligenz gefragt.
© Bernd Wackerbauer

Alexander Pretschner ist ein gefragter Gesprächspartner. Und auch wenn es nicht seine Art ist zu problematisieren oder zur Eile zu mahnen, wird seinem Gegenüber schnell eine gewisse Dringlichkeit bewusst. Das liegt an seinem Forschungsgebiet und Wirkungsfeld: Alexander Pretschner setzt sich dafür ein, die Digitalisierung zu gestalten.

Der Informatiker leitet den Lehrstuhl für Software und Systems Engineering an der TUM und hat das Bayerische Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) initiiert, wo er Vorsitzender des Direktoriums ist. Zugleich ist er wissenschaftlicher Direktor des Instituts fortiss, das seit zehn Jahren technische Forschung und Technologielösungen entwickelt, etwa zu Künstlicher Intelligenz.

„Die Mission des bidt ist es, den digitalen Wandel zu verstehen und seine Gestaltung in der Gesellschaft zu ermöglichen“, sagt Alexander Pretschner. Die Dringlichkeit der Aufgabe wird dabei angesichts der Beschleunigung, mit der die Digitalisierung voranschreitet, und der Veränderungen, die sie für die Gesellschaft bedeutet, scheinbar ganz nebenbei offensichtlich.

Die Frage nach der Verantwortung

Das bidt ist bewusst interdisziplinär ausgerichtet. Das Institut fördert Forschungsprojekte, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an verschiedenen Hochschulstandorten in Bayern gemeinsam umgesetzt werden. Und auch am Institut selbst wird zu den Folgen der Digitalisierung geforscht. Dazu zählt das Projekt „Ethik in der agilen Softwareentwicklung“, das Alexander Pretschner zusammen mit dem Philosophen Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin leitet.

Bislang haben ethische Überlegungen in technischen Fächern keine große Rolle gespielt.

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Ob es für die Gesellschaft nützlich ist, was man als Softwareentwickler macht, oder ob die eigene Entwicklung Schaden anrichten kann – über solche Fragen wird bislang nicht systematisch nachgedacht. „Es wird in Zukunft immer öfter geschehen, dass große Softwaresysteme gebaut werden und die Entscheidungen, die diese Systeme fällen, potenziell viele Menschen beeinflussen. Daher liegt die Überlegung nahe, jene, die die Systeme erstellen, in die Verantwortung zu nehmen, zu überlegen, ob das, was sie tun, negative Konsequenzen haben könnte.“

Als Negativbeispiel führt Alexander Pretschner Softwaresysteme an, die zu unerwünschten Resultaten kommen, weil zum Beispiel rassistische oder religiöse Vorurteile in den zugrundeliegenden Daten stecken.

Wichtig ist ihm zu betonen: 

Entscheidend ist, wer die Verantwortung für technologische Entwicklungen übernimmt.

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„Letztlich muss immer ein Mensch die Entscheidung fällen, ob etwas gemacht wird oder nicht. Ich halte es für notwendig, sich diese Tatsache bewusst zu machen und auch Studierende dafür zu sensibilisieren. Natürlich haben wir als Ingenieure eine Verantwortung – aber übrigens nicht nur wir. Es sind auch die Unternehmensleitungen gefragt, Betreiber und Nutzer solcher Systeme – und letztendlich die Gesellschaft, also die Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft.“

Dabei legt Alexander Pretschner großen Wert darauf, dass Innovation nicht zu stark eingeschränkt werden darf: „Wenn dies aber dazu führt, dass wir von vornherein zu viele neue Möglichkeiten ausschließen und Entwicklungen verhindern, weil sie potenziell schädlich sein könnten, dann schütten wir das Kind mit dem Bade aus. Die Herausforderung besteht natürlich darin, im Sinn eines europäischen Weges fallweise zu einer angemessenen Abwägung zu gelangen.“

Vom Potenzial neuer Technologien

Alexander Pretschner übernimmt immer wieder die Rolle des Aufklärers, wenn es darum geht, die technologischen Aspekte und die damit verbundenen Herausforderungen der Digitalisierung zu verstehen.

„Im Moment wird nicht besonders faktenbasiert argumentiert. Die Diskussion um die Arbeitsplätze, die angeblich künftig von Robotern weggenommen werden, scheint mir zum Beispiel etwas hysterisch zu sein.“ Auch wie die Debatte um Künstliche Intelligenz, kurz KI genannt, derzeit geführt wird, hält Alexander Pretschner für „eher übertrieben“, wie er es nüchtern formuliert.

Seine Gesprächspartner bringt Alexander Pretschner recht schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, egal, ob sie nun Horrorszenarien entwickeln – etwa von Künstlichen Intelligenzen, die dereinst die Weltherrschaft zu übernehmen drohen – oder zu hohe Erwartungen an neue Technologien haben. Gerade zum Thema der Künstlichen Intelligenz war Alexander Pretschner in den vergangenen Monaten häufig gefragt.

Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist das Testen. Dabei wird das tatsächliche Verhalten eines Systems mit seinem gewünschten „Sollverhalten“, wie es in der Fachsprache heißt, verglichen. „Das stellt sich im Bereich datenbasierter KI als sehr schwierig heraus, weil es dort im Normalfall gerade keine klare Spezifikation des Sollverhaltens gibt“, sagt Alexander Pretschner. Und er wird nicht müde zu erklären, dass KI, über die so viele Schlagzeilen produziert werden, nur eine Technik unter vielen ist.

Mein Fachgebiet ist ja Software Engineering, und da haben wir einen Baukasten verschiedener Werkzeuge zur Hand – KI ist nur eines davon, wenn auch ein sehr mächtiges.

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Als Informatiker interessieren ihn selbstverständlich auch die technischen Herausforderungen, die mit KI verbunden sind.

„Neben der gesellschaftlichen und politischen Ebene gibt es bei KI aus technischer Perspektive viele schwierige Fragen, die wir beantworten müssen. Eines der größten Probleme ist, dass die Daten, die wir haben, oft von schlechter Qualität sind und daher häufig nicht direkt verwendet werden können.

Das zweite Problem resultiert bei datenbasierter KI daraus, dass man versucht, Zusammenhänge nicht explizit aufzuschreiben, sondern die Systeme auf der Basis von Beispielen lernen lässt. Das macht man deswegen, weil die expliziten Zusammenhänge manchmal viel zu kompliziert sind – die datenbasierten Ansätze stellen dann eine gute Approximation dar. Es stellt sich aber heraus, dass das nicht immer gut funktioniert, weil viele Zusammenhänge schon sehr gut verstanden sind, etwa die Schwerkraft – um nur ein Beispiel zu nennen. Es ist nicht hilfreich und auch nicht notwendig, solche bereits bekannten Zusammenhänge erneut von einem System datenbasiert lernen zu lassen. Die technische Frage ist dann, wie man explizites Wissen, das in Form von Gleichungen vorliegt, kombinieren kann mit datenbasierten nicht expliziten Regeln.“

Informiert entscheiden

Alexander Pretschner zählt zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich nicht scheuen, Herausforderungen ihrer Disziplin auch mit Fachfremden zu erörtern. Das zeigt sich am interdisziplinären Austausch, den er in seiner Forschung sucht, aber auch an seiner Bereitschaft, den Dialog mit der Öffentlichkeit aufzunehmen.

Neben dem Mangel an faktenbasiertem Wissen, den er bei manchen in Bezug auf Digitalisierung konstatiert, nimmt er auch eine große Unsicherheit wahr, die häufig mit Ängsten verbunden ist.

In der Gesellschaft herrscht das Gefühl, dass der digitale Wandel gerade einfach nur passiert.

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„Technologische Entwicklungen können sehr viel verändern. Ich sehe darin unglaublich viel Potenzial, aber natürlich können sie auch negative Effekte haben. Doch ich glaube nicht, dass man immer nur die Probleme sehen sollte. Sich vor allem zu überlegen, was schiefgehen kann, ist eine sehr europäische Herangehensweise. Denn selbst wenn sich Schwierigkeiten zeigen, sind wir als Gesellschaft hinreichend stark, dass wir diese auch wieder in den Griff bekommen.“

Auf gesellschaftlicher Ebene sieht Alexander Pretschner die Partizipation als große Herausforderung, die Teilhabe aller an der Gesellschaft durch digitale Technologien sicherzustellen. „Das bezieht sich natürlich nicht nur auf die Technologie, sondern auch auf die Inhalte, die zur Verfügung gestellt werden. Wie lernen Menschen, mit Daten umzugehen? Wie mit Falschinformationen? Wie lernen sie, Urteilsfähigkeit zu entwickeln?“

Mit seinem Einsatz, auch über das bidt, trägt der Informatiker dazu bei, die Urteilsfähigkeit von Menschen zu stärken, die eben (noch) keine fachlichen Expertinnen und Experten sind: „Das liegt mir als Professor am Herzen.“

An der Technischen Universität München organisiert er eine Ringvorlesung über die Digitalisierung, bei der so unterschiedliche Aspekte wie digitale Bildung, Blockchain und Managementfragen behandelt werden. Letztlich geht es dabei darum, die Handlungsfähigkeit der Gesellschaft in einer Zeit zu sichern, in der es schwierig ist, den Überblick zu behalten angesichts der Beschleunigung, mit der die Digitalisierung voranschreitet. „Technologien sind weder gut noch böse“, sagt Alexander Pretschner. „Es liegt an uns Menschen, wie wir damit umgehen.“